Das Ikosaeder

   

Ein wesentlicher Teil vom Werk Keplers war die Beschäftigung mit Göttlichen Harmonien, Strukturen des Universums, die seiner Meinung nach sichtbare Spuren des bewussten Wirkens eines schöpfenden Gottes darstellten. Von seinem Frühwerk Mysterium Cosmographicum bis zu seinem großen Harmonice Mundi versuchte er derartige Beweise für Gottes Existenz und Wirken zu finden. In Mysterium Cosmographicum beschrieb er, wie seiner Meinung nach die sechs damals bekannten Planeten unseres Sonnensystems in ihren Abständen von der Sonne von den relativen Um- und Inkugelradien der fünf Platonischen Körper (Oktaeder, Ikosaeder, Dodekaeder, Tetraeder und Würfel) abhängig sind. (Damals ging er noch von der Kopernikanischen Idee von Kreisbahnen der Planeten um die Sonne aus, einem Modell, das er selbst später verbessern würde.)

Das Ikosaeder im Kepler-Raum

Er versuchte auch, den Planeten entsprechende Körper zuzuordnen und daraus deren vermutete Eigenschaften bzw. Einflüsse zu erklären. Dabei kam das Ikosaeder der Venus zu, Kepler leitete vermeintliche weibliche Eigenschaften aus der Form dieses Körpers ab. In der zweiten Auflage seines Buches nannte er diesen Versuch eine "Astrologische Spielerei", sie klang so:

Ich kann es mir nicht versagen, hier von dem Teil der Physik, der von den Eigenschaften der Planeten handelt, zu sprechen, damit man erkenne, daß auch die natürlichen Kräfte der Wandelsterne jener Ordnung entsprechen und dasselbe Verhältnis zu einander einnehmen. Wenn man den Planeten, die die Erdbahn umkreisen, jene Körper zuordnet, die ihrer Bahn umbeschrieben sind, den Planeten aber, die von der Erdbahn umschlossen werden, jene Körper zuweist, die ihnen umbeschrieben sind, was meines Erachtens mit bestem Grund geschehen kann, so kommt auf den Saturn der Würfel, auf den Jupiter die Pyramide, auf den Mars das Dodekaeder, auf die Venus das Ikosaeder, auf den Merkur das Oktaeder. Die Erde, die nur Grenze ist, wird keiner der beiden Reihen zugeordnet.

Der Saturn ist einsam und liebt die Einsamkeit, genau so wie seine Rechtwinkligkeit nicht die geringste Abweichung von der Gleichheit zuläßt, die ihm seine Beständigkeit rauben könnte. Jupiter dagegen hat aus der unendlich großen Zahl spitzer Winkel einen erhalten und ist dadurch leutselig geworden, jedoch nur mäßig, nicht allzusehr. Er ist nämlich der Urheber der wohlgesitteten Freundschaftsverhältnisse. So sind auch Mars und Venus leutselig, aber allzusehr; denn ihr stumpfer und ausladender Winkel verrät Maßlosigkeit.

Die Ruhe und Beständigkeit zunächst des Jupiter, dann des Saturn und schließlich des Merkur rührt von der kleinen Zahl der Seitenflächen her, die Unruhe und Leichtfertigkeit von Venus und Mars dagegen von deren Vielzahl. Das Veränderliche und Wandelbare ist immer die Frau. Der der Venus entsprechende Körper ist unter allen am veränderlichsten und am leichtesten wälzbar.

 

Das in der Ausstellung stehende begehbare Ikosaeder steht symbolisch für Keplers Auseinandersetzung mit dem Mysterium des Kosmos. Im Inneren des 3 m hohen, innen verspiegelten Körpers soll eine Ahnung der Magie der Regelmäßigkeit und von Keplers Faszination für Geometrie entstehen.

Im Inneren des Ikosaeders