GRAZ um 1600


Inhalt

Graz zu Keplers Zeiten

Auf den Spuren J. Keplers in Graz

 

Graz zu Keplers Zeiten


Für die Entwicklung der Stadt Graz war bereits im frühen Mittelalter eine am rechten Murufer für den Handelsverkehr benutzte Römerstraße maßgebend. Als sich im 11. und 12. Jahrhundert der Handel mit dem Osten verstärkte, entstand ein neuer Weg, der die Mur an der durch den Schlossberg geschützten Furt überquerte.

Dieser Weg führte entlang der heutigen Mur-, Spor- und Paulustorgasse durch die Straßensiedlung Geidorf nach Weiz und Hartberg. Somit war der sich zu Füßen des Schlossberges entwickelnde Verkehrsknotenpunkt für die Anlage der Stadt Graz ausschlaggebend.

In der geschützten Lage zwischen Mur und Schloßberg entstand eine Kaufmannsiedlung und ein Marktplatz. Der älteste Markt erstreckte sich vom heutigen Kastner & Öhler in der Sackstraße bis zum Landhaus in der Herrengasse.

Bis zum Jahr 1630 erreichte die innere Stadt den Umfang der Gegenwart. Die Festungswerke, die 1784 aufgelassen wurden, boten der Stadt neben den natürlichen Hindernissen nach Westen und Süden Schutz. Die Stadtmauer verlief entlang der Murseite des Palais Attems, querte die Murgasse, umschloss die Franziskanerkirche und verlief entlang der Westseite des alten Joanneums bis zum Reckturm. Von dort setzte sie sich zur Schmied- und Frauengasse in Richtung Hans-Sachs-Gasse fort, teilte den Tummelplatz und erreichte zwischen Burggasse und Burgring das Burgtor. Die Stadtmauer folgte nun dem Verlauf der Bergmauer, kreuzte den Freiheitsplatz, folgte der Ballhausgasse bis in die Sporgasse, stieg den Schlossberg hinauf und endete beim Uhrturm, wo heute noch Teile erhalten sind.

Schon gegen Ausgang des Mittelalters war die Stadt eng verbaut, hatte zwei- bis drei Stock hohe Häuser, an die sich noch ein bis zwei Hinterhäuser anschlossen. Da sich die Einwohnerzahl der Stadt laufend vergrößerte, wurde schließlich 1543 durch die Umgestaltung der mittelalterlichen Festungswerke in zeitgemäße Anlagen die Stadtfläche nahezu verdoppelt. Den bedeutendsten Raumgewinn brachte die Anlage des Stadtteils vor dem Paulustor, der zunächst Murstadt genannt wurde. Erst 1623 wurde der neue Stadtteil nach Vollendung des äußeren Paulustores in die Festungsanlage der Stadt einbezogen. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde der Hauptplatz verengt, um Platz für neue Häuser zu schaffen.

Der Hauptplatz, der Marktplatz in der Stadtmitte, war der einzige große Raum, auf dem sich in der sonst so eng verbauten Stadt das öffentliche Leben abspielte. Über das lebhafte Marktgetriebe im ausklingenden Mittelalter berichtet ein städtisches Steuerbuch. Um 1475 standen 15 Brotbänke auf dem Platz, auf denen die Bäcker ihr Brot verkauften. In 14 Messerkramen boten Messerschmiede ihre Waren an. Nestler, Riemer und Beutler waren ebenfalls vertreten.

Fleischerbänke, Krämerstände und Hafner (laut Hafnerordnung von 1526 waren die Hafner zum Verkauf ihrer Töpfe auf dem Markt verpflichtet) ergänzten das Markttreiben. Aus den allmählich festgewordenen Buden der Kaufleute und Händler entwickelten sich die Platzhäuser auf dem Marktplatz, an denen Lauben angebaut wurden. Dort legten die größeren Kaufleute ihre Waren aus. Lauben zogen sich auch entlang der Hauptplatzseite des ältesten Rathausbaus aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, die der Magistrat an Geschäftsleute vermietete.

Im Verlauf des 16. Jahrhunderts wurden Fleischer, Hafner, Fischhändler und Müller auf bestimmte Plätze abseits vom Markte verwiesen.

Lebhaft war das Treiben, wenn die Bauern an den Wochenmärkten mit ihren Wagen zusammenkamen oder wenn zu den Jahrmärkten Händler aus vielen Ländern zusammenströmten und ihre Waren anboten.

Die Häuser auf dem Marktplatz gehörten den angesehensten bürgerlichen Familien. Kaufleute, Handwerker, Apotheker, Goldschmiede und Juweliere erfreuten sich des Besitzes. Das blieb so bis zum Beginn des 19 Jahrhunderts.

Um 1550 wurde das Rathaus im Renaissancestil gebaut. Es war einfach und schmucklos, die Fenster der zwei unteren Stockwerke waren vergittert, im dritten und vierten Stock, wo sich die Gefängnisse befanden, waren die Fenster sehr klein. Seit 1346 befand sich auf dem Platz ein Brunnen, neben dem der Pranger, der eiserne Narrenkäfig und ein hölzerner Esel standen. Prangerstehen und das Auspeitschen von Verbrechern waren auf dem Hauptplatz gern gesehene Ereignisse. Neben dem Rathaus stand die Waage, die unter der Oberaufsicht des Magistrats von Kaufleuten und Händlern benutzt wurde. Unter dem bogen des Rathauses waren die Maße aus Stein aufgestellt. Mitten am Platz war ein Stock aufgerichtet, an welchen jedermann Ankündigen anheften durfte.

Auf dem Platz versammelten sich aber auch die Bürger zu gemeinsamen Beratungen, und in gefahrvollen Zeiten wurden hier die Bürger nach ihrer Tauglichkeit und Bewaffnung gemustert. Festlich Aufzüge, Erbhuldigungen oder in früherer Zeit Turniere wurden hier ebenso abgehalten wie seit dem 16. Jahrhundert öffentliche Theaterspiele. Der Hauptplatz diente aber auch als Schauraum bei der Vollstreckung von Todesurteilen oder als Sammelplatz, wenn die Feuerglocke am Schlossberg erschalte.

Von der Südostecke des Hauptplatzes zweigt die Herrengasse in südlicher Richtung ab. Sie bildete als eine Art Mautstraße eine Fortsetzung des Marktplatzes. Bis etwa 1450 hatte sie keinen Ausgang nach Süden, weil sich das ummauerte Judenviertel unterhalb des Landhauses bis zur Stadtmauer erstreckte. Hier überwogen die Adeligen als Hausbesitzer (daher seit 1476 Namensänderung von Bürgerstraße in Herrengasse).

Das heutige Landhaus wurde Ende des 15. Jahrhunderts von den Landständen erworben und im Stil der Frührenaissance erweitert. Im 16. Jahrhundert kauften die Landstände weitere Häuser in der Herrengasse auf, wobei ein Brand 1555 umfangreiche Neubauten notwendig machte, die noch heute zum Teil das Straßenbild der prägen. Die breiten Häuserfronten dienten dem Adel einerseits zur Entfaltung des äußeren Schmucks und zur Repräsenation, andererseits musste auch das zahlreiche Gesinde untergebracht werden.

Die Sporgasse bildete einen Teil des alten Verkehrsweges, der die Mur bei Graz überschritt. Den Namen erhielt die Gasse vom Waffenhandwerk der Sporer. Für reges Treiben in dieser Straße sorgten auch zwei Brauereien, wobei ein prächtiges Tor (Nr. 13) noch heute auf den Wohlstand vor dreihundert Jahren hinweist. Auf der rechten Seite der oberen Sporgasse zwischen Hofgasse und dem Paulustor begann der landesfürstliche Besitz, der die östlichen Stadtteile bis zum Tummelplatz herab in einem breiten Gürtel umspannte.

Die Sackstraße führt vom Hauptplatz an das Nordende der Stadt. 1607 und 1670 haben Brände vieles zerstört, und die Neubauten der Schulschwestern, des Kaufhauses Kastner&Öhler sowie der Schloßbergkai veränderten das Straßenbild. Im 14. Jahrhundert wurde die Stadtmauer durch den Bau des ersten Sacktores durchbrochen. Die Nähe zur Mur bestimmte die Beschäftigung der Einwohner. Im "Sack" wohnten hauptsächlich Leute wie Lederer, Kupferschmiede, Kürschner und Taschner. Im 16. Jahrhundert zogen diese Gewerbe in den zweiten und dritten Sack, und der vordere Teil wurde von angesehenen Bürgern in Besitz genommen. Ein kleiner Murarm, die sogenannte Brotmuer nützte den Lederern und Weißgerbern bei ihrer Arbeit. Dieses Wasser wurde auch als Zufluss für das Bad im Sacke verwendet (siehe heutige Badgasse). Erst die Klarissinnen, die 1602 in die Stiftsschule einzogen, ließen einen Kanal mauern und versuchten das Wasser reinzuhalten - ein vergeblicher Versuch, wie viele Streitigkeiten zwischen Lederern und Gerbern mit den Hoffischmeistern zeigen.

Und in dieses Graz kam Johannes Kepler!

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Auf den Spuren J. Keplers in Graz
Ein Rundgang durch die Grazer Altstadt, garniert mit einigen Fragen

Start: BRG Keplerstraße

1. Eine Straße, zwei Schulen und eine Brücke sind hier nach J. Kepler benannt.
Seit wann besteht eigentlich diese Straße?
Wann wurde das Gebäude des BRG errichtet?
Was befand sich an der Stelle des BRG zu Keplers Zeit?

2. Geht man über die Keplerbrücke, so sieht man ein Denkmal, das sich auf J. Kepler bezieht.
Was stellt es dar?
Aus welchem Anlass wurde es errichtet?

3. Durch die Wickenburggasse gelangt man zum Stadtpark.
Welchen Zwecken diente dieses Gelände, bevor es zum Park wurde?
Was befand sich hier zu Keplers Zeit?

Im Stadtpark findet man ein weiteres Denkmal für J. Kepler.

4.Für Gehfreudige lohnt sich ein Abstecher zur ältesten Kirche von Graz, die in der Nähe des Stadtparks liegt.

5. Durch das Paulustor geht es in die Paulustorgasse. Hier wurden im Jahre 1600 Bücher der Protestanten verbrannt. Später wurde an jenem Ort eine Kirche erbaut.
Wem ist diese Kirche geweiht?

6. Auf dem anschließenden Karmeliterplatz findet sich eine Statue.
Wen stellt sie dar? Warum wurde sie aufgestellt?

7. Von dort aus spaziert man hinunter zur sogenannten "Stadtkrone"
Beim Hof der Grazer Burg findet man die berühmte Doppelwendeltreppe aus dem 15. Jhd.
Wie viele Stufen hat eine Seite der Wendeltreppe?
Wer residierte in der Burg zu Keplers Zeit?

8. In welchem Stil ist der Dom erbaut?
An der Außenseite des Doms sieht man das berühmte Landplagenbild. Welche Landplagen gab es im Jahre 1480 in Graz?
Auf dem Bild findet sich die älteste Kirche von Graz!

9. Welche Funktion hatte der Gebäudekomplex gegenüber Dom und Mausoleum (über die Bürgergasse) zu Keplers Zeit?

10. Über den Glockenspielplatz gelangt man zur Stempfergasse. An der Ecke Bindergasse/Bischofsplatz befand sich ein Wohnhaus J. Keplers.
Wie heißt das Palais, das heute dort steht?
In der Stempfergasse gibt es ein nach ihm benanntes Gasthaus mit einem sehr schönen Innenhof.
Welche Hausnummer trägt es?

11. Tritt man auf die Herrengasse hinaus, so erblickt man das Landhaus, in dem die Landstände tagten, die J. Kepler nach Graz verpflichteten.
Wer erbaute es?
In welchem Stil wurde es erbaut?
Was zeigt die Wetterfahne des Türmchens?

12. Durch die Herrengasse gelangt man zum Hauptplatz. In dessen Mitte steht ein Denkmal. Wen stellt es dar?
Wer sind die vier Frauen, die es umgeben?
Was beobachtete J. Kepler hier im Jahre 1600?

13. Im nahen Paradeishof befand sich J. Keplers Arbeitsstätte. Man findet eine Gedenktafel, die an ihn erinnert.
Welche Institution befand sich vor 1600 in diesem Gebäude?
In welcher Funktion war J. Kepler hier tätig?
Wozu diente das Gebäude nach 1600?

14. Nun schließt sich der Kreis - geht man durch die Sackstraße nach Norden Richtung Keplerbrücke, kommt man an jenem Gebäude vorbei, das als erstes Grazer Haus urkundlich erwähnt wurde.
Wie heißt es?

15. So, das wär's!

 


Antworten zum Altstadt-Rundgang:
 
1) Die Keplerstraße wurde 1875 angelegt, eine Kettebrücke wurde 1833 errichtet (damals "Ferdinand-Kettenbrücke")
Das Gebäude des BRG wurde 1898 - 1900 erbaut
Um 1600 befand sich hier ein Murarm, erkennbar noch an der Achse des Lendplatzes: Die östliche Häuserseite lag an diesem Murarm.

2) Das Denkmal stellt symbolhaft das zweite Keplersche Gesetz dar. Es wurde anlässlich des Neubaus des Umspannwerks Keplerbrücke 1990 aufgestellt (Entwurf: D.I. Gerhard Lojen). Ein anderer Entwurf (Erika Thümmel) befindet sich in unserem Museum.

3) Zu Keplers Zeit befand sich hier das Vorfeld der Stadt bzw. dann der Festung (Glacis). Nach Aufheben der Festung 1784 diente das Gelände als Exerzierplatz. Das Denkmal (3. Keplersche Gesetze und Kepler-Büste) liegt zwischen der Maria-Theresien-Allee und dem Stadtparkbrunnen.

4) Die Leechkirche liegt am Beginn der Zinzendorfgasse (erbaut 1275 - 1293 vom Deutschen Ritterorden)

5) Die Kirche ist dem Heiligen Anton von Padua geweiht. Sie befindet sich neben dem Volkskunde-Museum (dem ehemaligen Kapuzinerkloster).

6) Die Dreifaltigkeitssäule dankt für das Erlösen von der Pest.

7) Die Doppelwendeltreppe (neben Stiege III) hat (je) 50 Stufen. In der Burg residierte um 1600 Erzherzog Ferdinand II. (später Kaiser).

8) Der Dom wurde im gotischen Stil erbaut (1438 - 1462). Das Landplagenbild (von Thomas von Villach) an der Südseite zeigt die damalige Ansicht von Graz und die Gottesplagen Heuschrecken, Pest und Türken.

9) Jesuitenkolleg und Alte Universität (1585 als Gegengründung zur protestantischen Stiftsschule im Paradeishof)

10) Das Palais Inzaghi. Der "Kepler-Keller" trägt die Hausnummer Stempfergasse 6.

11) Festungsbaumeister Domenico dell'Allio, Renaissance (1557 - 1565). Die Wetterfahne zeigt den steirischen Panther (1887).

12) Das Denkmal stellt Erzherzog Johann dar. Die vier Frauen symbolisieren die Flüsse Drau, Enns, Mur und Sann. J. Kepler beobachtet am Hauptplatz eine Sonnenfinsternis.

13) Das Gebäude (ursprünglich als Spital erbaut) beherbergte die evangelische Stiftsschule, in der J. Kepler als Lehrer für Mathematik und Astronomie tätig war. 1598 wurde die Schule im Zuge der Gegenreformation geschlossen, 1602 wurde dort ein Klarissinenkloster eingerichtet.

14) Der Reinerhof (Südseite des Schlossbergplatzes). Der älteste Teil des Gebäudes  befindet sich an der Hinterseite des Innenhofes.

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